WIENER KAFFEEHÄUSER: Kulturerbe der UNESCO

Jetzt ist es an der Zeit über die Wiener Kaffeekultur zu sprechen. Ich liebe den Kaffee in meinem Heimatland Italien, doch die Kaffeehäuser in meiner Geburtsstadt Wien haben einfach "das gewisse Etwas", Kaffee inklusive!

Dort trinkt man nicht rasch an der Theke einen „caffé“ wie bei uns in Italien. Nein. Man setzt sich gemütlich nieder und bestellt eine der vielen Varianten des herrlichen Getränks, das in Wien traditionell auf einem kleinen ovalen Tablett serviert wird: der gewünschte Kaffee in seiner Tasse, ein Löffel, ein Glas Wasser und Zucker. Heute oft weisser Zucker, brauner Zucker und Süssstoff – zur Wahl. Doch, typisch vor allem in Wien, ist der Zuckerstreuer auf dem Tisch.

Im Wiener Kaffeehaus gibt es neben Punschkrapferl, Apfelstrudel und Guglhupf auch salzige Gerichte, wie das „kleine Gulasch“ und ein „Paar Würstel“. Das sind „Frankfurter“ (nicht "Wiener"), die mit Semmel (typisch österreichisches Weißbrot-Brötchen) und Senf, nach Wunsch mild oder scharf, serviert werden. Dazu gibt es Tageszeitungen, Zeitschriften, Kartenspiele, Brettspiele (wie Schach und Dame) und oftmals einen Billardtisch. Das Kaffeehaus ist ein sozialer Treffpunkt, wo sich Jung und Alt wohlfühlen und auch Stunden bei einem einzigen Getränk verbringen, ohne schief angesehen zu werden.

Wen wundert’s, dass die Wiener Kaffeekultur im Jahr 2011 zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO erklärt wurde?

Original Sacher Torte (seit 1832)
Original Sacher Torte (seit 1832)

Die Geschichte der Wiener Kaffeehäuser beginnt mit dem Fund einiger Säcke mit seltsamen Bohnen, nach der Zweiten Türkenbelagerung im Jahr 1683.Historisch belegt ist die Gründung eines der ersten Kaffeehäuser Wiens im Jahr 1685 vom Armenier Johannes Theodat. Später hatten in Wien die Griechen das Monopol zum Ausschank von Kaffee inne.

Die Wiener liebten das belebende Getränk so sehr, dass es bereits im Jahr 1819 nachweislich 150 Kaffeesieder gab. Um das Jahr 1900 waren Wiens 600 Kaffeehäuser hauptsächlich von Männern besucht. Poeten und Literaten wie Arthur Schnitzler, Stefan Zweig, Peter Altenberg und Friedrich Torberg schrieben in ihren Stammlokalen, bezeichneten diese als Lebens- und Arbeitsstätte. Künstler wie Egon Schiele, Gustav Klimt, Leo Trotzki und Oskar Kokoschka holten sich im Kaffeehaus Inspiration. Innerhalb der Monarchie verbreitete sich die Wiener Kaffeehauskultur auch in anderen Großstädten wie Prag, Triest und Budapest - und hat auch dort, zum Teil, bis heute überlebt.

Café Demel, Wien
Café Demel, Wien

Traditionelle Wiener Kaffeehäuser sind historische Institutionen. Einige, deren Besuch ich Wien-Besuchern ans Herzen lege, sind das Café Landtmann (gegr. 1873) am Universitätsring, das Café Prückel (gegr. 1903) am Stubenring, das Café Hawelka (gegr. 1939) in der Dorotheergasse und das Café Demel am Kohlmarkt, k.u.k. Hofzuckerbäcker seit 1786.

Ehemaliger Hoflieferant der österreichisch-ungarischen Monarchie ist das Café Gerbeaud in Budapest am Vörösmarty Tér (Platz), gegründet im Jahr 1858. Hier muss man einfach eine „Dobos Torta“, die 1884 vom gleichnamigen Patissier kreierte, Torte bestellen und das alte, Wiener Flair einatmen.

Hier einige der Wiener Kaffeeklassiker, die man bei einem Besuch der Donaumetropole unbedingt in einem der alten, traditionellen Kaffeehäuser probieren sollte. Meiner Meinung nach sind sie durch die Bank besser als jeder Kaffee, den man für teures Geld in Pappbechern kaufen kann!

Großer Mokka: Der kräftig schmeckende Kaffee enthält aufgrund der langen Extraktionszeit keine bitteren Gerbstoffe. Er wird wie ein Espresso bis zu einer Minute lang mit heißem Wasser (50 ml) unter Druck extrahiert und ohne Milch und Obers in einer großen Schale zubereitet.

Grosser Schwarzer: Wird in Wien auch Doppelmokka genannt.

Einspänner mit Cognac (auch Louis XIV genannt): Er ist die Spezialität des traditionsreichen Kaffee Hawelka, setzt sich aus einem Einspänner und einem Schuss Cognac zusammen. Dieser große Schwarze mit viel Schlagobers (Schlagsahne), wird im Henkelglas und mit einem Staubzucker-Streuer serviert, der Kaffee durch das Obers getrunken.

Großer Brauner: … ist ein aromatischer, doppelter Espresso mit Kaffeeobers. Das Obers wird extra in einem Porzellankännchen serviert, der Gast bestimmt das Mischungsverhältnis (mehr Obers als Kaffee). Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts war der "Braune" auch unter dem Namen "Schale Gold" bekannt.

Melange: Die unbestritten beliebteste Wiener Kaffeespezialität besteht aus gleichen Teilen Espresso und Milch. Ein leicht verlängerter Mokka wird in eine große Tasse gegossen, die bis obenhin mit heißer Milch gefüllt wird. Zum Abschluss wird die Melange mit geschäumter Milch aufgegossen.

Fiaker: Zur Zubereitungwird ein großer Mokka extrahiert, mit viel Zucker und einem Schuss Rum verfeinert. Obenauf kommt, als Tüpfelchen, eine Schlagobershaube. Wiens Pferdekutscher, die "Fiaker", tranken diesen Kaffee traditionell im Henkelglas in einer Hand zwischen den Fuhren.

Maria Theresia: Ein doppelter Mokka wird mit einem Schuss Orangenlikör und einer Haube Schlagobers im Glas serviert.

Kaisermelange: Diese Kaffeespezialität weckt auch Tote auf, sagt man in Wien. Ein großer Mokka wird, unter ständigem Rühren, mit einem Eidotter (Eigelb) und 15 bis 20 g Honig vermischt. Nach einem alten Wiener Rezept kommt am Ende noch ein Schuss Cognac hinzu.